Immer alles perfekt machen zu wollen, verursacht inneren und äusseren Druck. Perfektionismus legt uns in Ketten, weil unsere Freude, der Spass und die Liebe zu der Sache sowie zu den Menschen verloren geht. Wir blockieren unsere Kreativität, wir sind nicht spontan und offen uns selbst sowie neuen Möglichkeiten und Chancen gegenüber. Ausprobieren verursacht noch mehr Druck und Stress. Denn wir haben das Gefühl, keine Zeit zu haben, uns läuft die Zeit davon und aus einem „Ich will“ oder „Ich kann“ wird ein „Ich muss“, „Jetzt“, „Sofort“, „es muss alles genau überlegt sein“, „Keine Experimente, es könnte etwas schief laufen„. Wir blockieren und selbst und werden demotiviert und Frust macht sich breit. Wir hören auf zu Träumen, weil wir unserem inneren Druckmacher, unserem Antreiber, dem Ego mehr Vertrauen schenken als uns Selbst. Das führt dazu, dass wir uns vergleichen, dass wir uns selber klein machen und halten. Unsere Wirklichkeit begrenzen wir somit selbst. Wir erfinden Ausreden, machen Schuldzuweisungen und sind so jenseits unserer wirklichen Kraft und inneren Stärke. Doch hören wir uns (selbst-)bewusster zu, hören genau hin was wir uns selbst erzählen, bemerken wir, dass es genau das ist, was uns nicht gut tut. Dass es genau das ist, was uns in die Unzufriedenheit führt, bis in die Resignation, Depression oder Burnout. Ist das Streben nach Perfektion ein Dauerzustand haben wir körperliche Beschwerden oder auch körperliche Erkrankungen. Anstatt unser Vorhaben, unser Projekt so zu gestalten, dass wir es mit Freude und Spass ausfüllen, dankbar sind für das Gegebene und Erschaffene, zufrieden mit uns und dem Jetzt sind, hauen wir uns genau hier eins drauf. Wir beschimpfen und vergleichen uns.

Doch es gibt 2 Arten des Perfektionismus.

Es ist nur fair, den Perfektionismus differenziert zu betrachten. Alles ist dual und hat seine Vor- und Nachteile. Es gibt funktionalen (guten) und dysfunktionalen (schlechten) Perfektionismus. Dysfunktional ist es, wenn jede nicht akkurat gelungene Kleinigkeit einen Gesichtsverlust bedeutet.

Förderlicher Perfektionismus

Menschen, welche einen guten, förderlichen Perfektionismus zeigen sind in der Regel nach innen gerichtet. Sie beziehen ihre Motivation aus sich heraus. Diese Menschen legen sehr viel Wert auf sich selbst und ihre Ansprüche. Sie versuchen jedes Mal die Latte etwas höher zu legen. Nicht nur für andere, sondern auch um selbst daran zu lernen, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen. Ihr Idealbild sind sie selbst und sie geben alles, um sich jeden Tag aufs Neue zu kreieren und besser zu werden. Die Absicht, das Beste aus etwas zu machen, finde ich, ist eine gute Eigenschaft. Insbesondere im beruflichen Alltag. Hier sind Konsequenz, Verantwortungsbewusstsein, genaues und gewissenhaftes Arbeiten sehr wichtig. Diese Menschen sind verlässlich und planbar. Perfektionisten streben nach kontinuierlicher Selbstoptimierung und besitzen gute organisatorische Fähigkeiten. Der Wunsch nach hoher Qualität und guter Leistung macht sie zu gern gesehenen Mitarbeitern in Führungspositionen. Sie sind das Rückgrat jedes Unternehmens. Solange ein Fehler oder Unzulänglichkeiten zugegeben und konstruktiv mit diesen umgegangen werden, ist es auch eher förderlich als bremsend.

Wenn der eigene Anspruch zu hoch ist, kann dieser leicht zu einen Krampf werden. Genügen wir den eigenen Ansprüchen nicht, entsteht Druck, Stress und Frust. Fertig ist die Perfektionismusfalle. Das was bisher sehr förderlich war und als positiv empfunden wird, schlägt ins andere Extrem. Übernimmt der Betroffene nun nicht die Verantwortung für sein Denken und Handeln manövriert er sich in einen Teufelskreis, in dem es keine Gewinner gibt. Der positive Aspekt des Perfektionismus wird nun auch kontraproduktiv.

Wenn Perfektion kontraproduktiv wirkt:

Menschen, bei denen ihr Perfektionismus dysfunktional, also wenig förderlich ist, sind das Beste Beispiel für den Glaubenssatz: Leistung gegen Liebe. Der Ursprung hierfür liegt in der Kindheit. Die Sensibilität auf Fehler ist jahrelang unbewusst trainiert, weil das Kind einen hohen elterlichen Leistungssanspruch gelernt hat oder Zuneigung im Tausch gegen erbrachte Leistung stand. Das Verlangen nach Beifall, Beachtung, das Bedürfnis nach mehr Kontrolle und der Wunsch sich von Lästereien, Schande, Schimpfen und negativen Feedback zu befreien, verbirgt sich hinter der Sucht nach Perfektion. Diese Menschen haben eine harte Schale, aber einen weichen sensiblen Kern.

Abhängigkeit vom eigenen Erfolg:

Ihre Motivation beziehen sie aus dem Aussen und daraus resultiert meist eine Abwärtsspirale aus Streben, Stress und Scheitern. Diese Menschen sind entmutigt und definieren den eigenen Wert nach erbrachter und perfekter Leistung. Das heisst, sie sind abhängig vom eigenen Erfolg. Oft wird die eigene Leistung auch von den Mitmenschen erwartet und gefordert. Die eigenen Denk- und Verhaltensmuster werden auf sie bewusst und unbewusst übertragen. Perfektionisten denken in schwarz/weiss Kategorien. Wer nicht perfekt ist oder keine perfekte Arbeit oder Leistung bringt, wird automatisch zum Verlierer erklärt. Menschliche Fehler erhalten aus dieser Sicht ein zu grosses Gewicht.

Der entmutigte Perfektionist:

Sind Perfektionisten entmutigt, ist es schwer mit ihnen zusammen zu arbeiten. Sie gehen nicht nur mit sich, sondern auch mit Kollegen, Freunden, der Familie hart ins Gericht. Nicht selten erhalten Perfektionisten den Ruf eines Kontrollfreaks. Obwohl sie natürlich nur das Beste wollen. Den so genannten Tunnelblick finden wir oft bei Perfektionisten. Aufgaben oder bestimmte Leistungen in andere Hände zu delegieren, fällt oft schwer, weil sie somit die Kontrolle an andere abtreten. Das birgt die Gefahr der Unsicherheit und Versagensängste kommen auf. Dauernde Überforderung, Druck und ein erhöhter Stresspegel sind die Symptome. Das Streben nach Perfektion, alles richtig zu machen, das perfekte Ergebnis zu liefern, kann sehr mühsam und schwerfällig werden. Nämlich dann, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Die Angst, nicht zu genügen, die Angst, etwas zu verlieren, die Angst eines Kontrollverlustes führt zu fast zwanghaften Kontrollverhalten. Sie werden unflexibel und starr, beharren auf ihrem Plan und verheddern sich dann vom Hundertstel ins Tausendstel. Die Arbeit wird in hohen Masse unproduktiv, ineffektiv und kostet mehr Zeit als üblich. Das schlägt sich in einer aggressiven Verstimmung nieder. Die Über-Verantwortung erfasst den Perfektionisten. Er reisst alles an sich. Das kann bis zu Panik und zwanghaften Verhalten führen.

Ein Teufelskreis:

Konflikte sind vorprogrammiert und das Verlieren im Detail frisst am Ende mehr Zeit als zur Verfügung steht. Ein Teufelskreis! Es ist egal was Perfektionisten erreichen, es ist nie gut genug, es geht immer noch besser und es fällt ihnen schwer, sich über Erreichtes zu freuen. Das Ärgern über die kleinsten Fehler steht im Vordergrund, als wäre das gesamte Projekt gescheitert. Ihr gesteigertes Bedürfnis nach Sicherheit, nach Kontrolle, nach Perfektion, nach Fremdwert kann sich ins unermessliche steigern. Neben der eigenen Unzufriedenheit und dem selbst produzierten Druck sind Depressionen, Burnout und körperliche Erkrankungen die Folge.

Perfektion ist die Suche nach Vollkommenheit.

Doch Vollkommenheit kann nicht durch zwanghaftes Perfektionsstreben erreicht werden. Perfektion ist eine hausgemachte Illusion des menschlichen Geistes. Es wird immer Besseres, Schöneres, Grösseres und Bedeutenderes geben. Es wird auch immer Bessere geben, solange der Vergleich im Geist vordergründig agiert. Das ständige Jagen nach dem Perfekten gibt uns alles andere als Selbstvertrauen. Im Gegenteil, das Ego übernimmt die Führung und endet wie so oft in einer Sackgasse.

(Was hat unser Ego mit Selbsterkenntnis und Selbstvertrauen zu tun?)

Die Wege aus dem Perfektionismus sind nicht leicht.

Perfektionisten müssen lernen, zu ihren Fehlern zu stehen. Eine andere Sichtweise auf die Dinge zu üben und Fehler als Erfahrung und als Lernaufgabe zu betrachten, an denen sie wachsen und besser werden können. Die Erfahrung wird zeigen das dies gar nicht so schlimm ist, wie angenommen. Durch Geduld, Vertrauen und Zuversicht zu sich und ins Leben kann das eigene Selbstwertgefühl gesteigert werden.

Was kann das Umfeld tun?

Das Umfeld kann den Perfektionisten unterstützen, in dem es im Falle eines Missgeschicks signalisiert, dass man selber dieses Problem auch kennt. Die Angst vor Ablehnung und des Scheiterns in den Würgegriff zu nehmen, sich ihr zu stellen und durch Vertrauen und Verständnis den Wert des Betroffenen anzuzeigen, wirken Wunder. Entspannung, tiefes Atmen und Meditationen sind sehr zu empfehlen. «Es ist nicht schlimm und Scheitern bedeutet kein Weltuntergang», «Du bist gut so, wie du bist.» Gleichwertigkeit zu signalisieren ist hier die Formel, welche ein zufriedenstellendes Ergebnis bringt für alle Beteiligten. Liebevoller Humor ist ebenfalls ein guter Ansatz, um die Situation zu entschärfen.

Insgesamt kann man sagen, dass das Streben nach Perfektion sehr anstrengend und frustrierend ist, sobald wir in die Perfektionismusfalle tappen. Viel Arbeit und Energie fliesst in eine Aufgabe, nur um am Ende festzustellen, dass es den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Für Aussenstehende ist es oft nur schwer nachzuvollziehen, warum dieser brillante Mensch seine Leistung, sein Können, sein gutes Ergebnis nicht anerkennen kann. An dieser Stelle sei gesagt, dass dies Probleme sind, welche nur Perfektionisten verstehen und nachvollziehen können.

Hier einige Merkmale des Perfektionisten:

1. Das Mindfuck des Perfektionisten: «Ich bin faul und ungenügend!»

2. Perfektionisten neigen zu Selbstausbeutung

3. Perfektionisten halten nichts von Feedback oder Kritik.

4. Perfektionisten fühlen sich rasch persönlich angegriffen.

5. Perfektionisten sind keine Teamplayer, sie fügen sich schwer in Teams ein und tun sich schwer in Gruppenarbeiten.

Abhilfe um aus der Perfektionismusfalle auszutreten:

Der erste Schritt aus der Perfektionismusfalle ist, zu erkennen, dass die eigenen Ansprüche und Erwartungen zu hoch gesteckt sind. Einfach mal fünf grade sein lassen. Raus aus dem Hamsterrad.

Das Denken in schwarz/weiss Kategorien darf ad acta gelegt werden. Wer meint, dass Fehler machen etwas für Verlierer ist, verliert das Menschliche aus den Augen. Kontrollsucht, Unzufriedenheit und Angst beherrschen das Leben des Betroffenen.

Imperfektion darf in Betracht gezogen werden und spart Zeit, Geld und Nerven.

Hier nun einige Tipps:

1. Behalte den Blick auf das grosse Ganze. Sobald dich die Detailverliebtheit einholt, es zu viel Zeit kostet und du dich verzettelst, weisst du, dass dein Perfektionist wieder am Werk ist. Gib dir selbst das «Stopp», das es braucht um wieder Herr der Lage zu sein. Gib den Tunnelblick auf. Er behindert deinen Blick auf das Wesentliche. Sei gnädig mit dir selbst, tue dir den Gefallen. Du hast es verdient. Deine Art, dich selbst zu zerfleischen, bringt dich deinem Ziel kein Stück näher. Du hast keinen Grund, Selbstzweifel zu hegen.

2. Gib dein Bestes, mache das, was du am besten kannst. Hör auf, dich mit anderen zu vergleichen. Fördere dein eigenes Talent und gib Arbeiten, welche andere besser können, ab. Du weisst, dass du sehr gute Arbeit leistest, erkenne dies an. Und … nicht jeder kann alles. Du hast dadurch mehr Kapazität für dein Projekt. Weniger Druck und Stress machen dich konzentrierter und produktiver. Gleichzeitig stärkt es Vertrauen und das Gemeinschaftsgefühl. Deine Mitmenschen fühlen sich gesehen, akzeptiert und respektiert. Das fördert das Miteinander und den Spass an der Sache. «Gemeinsam sind wir stark». Loslassen ist eine Befreiung. Jeder von uns hat unterschiedliche Talente und Fähigkeiten. Die dürfen wir nutzen. Für dich und die Gemeinschaft ein unglaublicher Mehrwert.

3. Denke daran: «Du scheiterst an deinen Erwartungen!» Nichts ist perfekt oder Vollkommen und das ist gut so. Schiebe wichtige Entscheidungen nicht auf, der perfekte Moment wird nie kommen, das ist eine Illusion in deinem Kopf. Halte dich an deinen Zeitplan und verzettel dich nicht. Finde den Spass an der Sache wieder und erfreue dich an deiner Leistung und deinem Können.

4. Fehler sind zum machen da. Wer nichts macht, macht auch keine Fehler. Wir dürfen aus unseren Erfahrungen lernen und besser werden. Niemand ist perfekt und fehlerfrei geboren. Entwicklung und Erfolg besteht aus einer Erfahrung nach der nächsten und zu gleich, bieten sich viele neue Möglichkeiten. Ein unheimlicher Schatz an Wissen häuft sich an. Dadurch erlangst du Standfestigkeit, dich wird nichts so schnell mehr aus der Bahn werfen. Deine Durchsetzungskraft steigt und deine Motivation beziehst du aus deinem Inneren. Dein Selbstvertrauen wächst und deine Talente und Fähigkeiten kannst du gezielt und effektiv einsetzen. Im Grunde gibt es keine Fehler, sondern nur Erfahrungen an denen wir wachsen und neue Chancen kreieren. Arbeite an deinem Mindset, integriere Entspannungsübungen oder entsprechende Atemtechniken in den Alltag, die du in Stresssituationen anwenden kannst. Geh raus in die Natur und geniesse Erschaffenes.

5. Nimm Kritik als Möglichkeit zur Verbesserung wahr. Sei dankbar. Kritik ist Feedback, welches du für dich und dein Projekt nutzen kannst, um noch besser zu werden. Hör auf, Kritik persönlich zu nehmen. Frag um Hilfe und gestehe deine Schwäche ein. Das zeigt wahre Grösse.

6. Denke die Dinge nicht zweimal vorwärts und dreimal zurück. Sobald sich deine Gedanken im Kreis drehen, setze gedanklich ein «Stopp» oder sprich es laut aus, mach eine Pause und atme einige Male tief durch, wie in Punkt 3 und 4 erwähnt.

7. Komm ins effektive Handeln. Triff eine Entscheidung und schiebe deine Vorhaben und Pläne nicht auf. Deine Angst, Fehler zu machen bringt dich kein Stück weiter. Wage den Schritt aus deiner Komfortzone und probiere aus. In den meisten Fällen passieren keine Katastrophen. Im schlimmsten Fall darfst du dazu lernen. Lege endlich los und mach es nicht so kompliziert. Glaube an dich, wir wachsen an unseren Aufgaben.

8. Erwarte nicht, dass alles sofort funktioniert. Entspanne dich. Gib dir und der Sache Zeit. Beachte das Gesetz der Minimalkonstanz. Vorwärts in kleinen Schritten. Rom wurde auch nicht in einer Nacht erbaut.

Und nun viel Spass beim Umsetzen.

Eure Katja